Umwelt

Unternehmen kämpft für die Plastiktüte

(Artikel aus der Freien Presse Flöha, erschienen am 04.05.2016)

Die Firma Schröder Designverpackung setzt sich für die Kunststofftra-getasche ein. Nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen.

Natürlich ist die Kunststoff-Tragetasche besser als ihr Ruf. Davon ist Manfred Vogt überzeugt. Er ist Verkäufer beim mittelständischen Unternehmen Schröder Designverpackung in Flöha. Sein Job ist es, Kunden zu betreuen und zu gewinnen. Aber seit der Debatte um eine Abgabe für Plastiktüten und deren Imageverlust als angeblich großer Umweltverschmutzer muss Vogt vor allem Überzeugungsarbeit leisten. „Es ist ärgerlich und nervig“, sagt er, und für das Unternehmen Schröder Designverpackung ist die Debatte schädlich. Etwa ein Drittel des Umsatzes erwirtschaftet der Betriebmit Kunststofftragetaschen. Die werden auf modernen Produktionsanlagen im Falkenauer Gewerbegebiet bedruckt und konfektioniert. Die Folien und Farben kommen von Lieferanten aus Deutschland und Europa, die 30 Mitarbeiter aus der Region. Die Anlagen ratterten früher im Drei-Schicht-Betrieb, jetzt arbeiten zwei Konfektionsautomatenfür Kunststofftragetaschen nur noch in einer Schicht. Eine sichtbare Folge der aktuellen Debatte, die die Kunden der Firma verunsichert. Ines Schröder, die das Unternehmen 1990 mit ihrem Mann Jan, einem Trabant und einer Garage gegründet hat, fordert Klarheit. Nicht die Plastiktüte ist das Problem, sagte sie, sondern das Nutzungsverhalten der Verbraucher. Auch das Bundesumweltministerin räumt ein, dass Kunststofftragetaschen in Deutschland kein nennenswertes Umweltproblem darstellen. So steht es in einem Schreiben aus dem Ministerium, und auch die Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) wird immer wieder so zitiert. In der emotional geführten aktuellen Diskussion werde die Kunststofftragetasche dennoch zum Buhmann, sagt Vogt. Illustriert werde die Debatte gern mit qualvoll verendeten Vögeln oder Fischen – die Plastiktüte als tödliche Falle. Mehr Symbolkraft gehe fast nicht. Das ärgert Manfred Vogt. „Warum gibt es keine sachliche Gegenüberstellung der Ökobilanz von Kunststoff- und Papiertragetasche?“, fragt er. Oft werde nur am Rande erwähnt, dass Papier-Tragetaschen eine viel schlechtere Umweltbilanz haben als Plastiktüten. Nicht nur die Kunden seien angesichts der Diskussion verunsichert, sondern auch die Mitarbeiter. Obwohl die Aussichten ungewiss bleiben, stehen Arbeitsplätze derzeit nicht in Frage, sagt Manfred Vogt. Noch könne der etwa 30-prozentige Rückgang in der Kunststofftragetaschen-Sparte mit anderen Produkten aufgefangen werden. Schröder Designverpackungen liefert auch Papiertragetaschen, Einschlagpapier oder Industrieverpackungen. Etwa 2000 Kunden hat das Unternehmen in ganz Deutschland. Von Kleinaufträgen mit 3000 Stück bis zur Millionenstückzahl wird gefertigt. Der Jahresumsatz bewegt sich nach Firmenangaben konstant bei etwa 6 Millionen Euro. Neben der Produktion mit Druckerei und Konfektionierung gibt es eine Grafikabteilung, die Gestaltungsaufträge für die Druckmotive übernimmt. Natürlich hofft man bei Schröder, dass sich die Diskussion um die Plastiktüte beruhigt und versachlicht. Eine Abgabe auf Kunststofftragetaschen sei nicht falsch, sagt Vogt. Doch erstens müsse die Höhe des Entgelts festgelegt werden, zweitens die Abgabe für alle Arten von Tragetaschen gelten. „Die Politik ist gefordert, Klarheit zu schaffen und für Beruhigung zu sorgen“, fordert er. Denn Manfred Vogt ist ja Verkäufer, und er will sich endlich wieder seiner eigentlichen Aufgabe widmen.

Politik will Plastiktüten-Verbrauch verringern

Die freiwillige Selbstverpflichtung des Handels besagt, dass Plastiktüten ab Juli in vielen Geschäften kostenpflichtig sind. In den meisten Supermärkten und Discountern sind sie das aber jetzt schon. Die Kunden akzeptieren das. Die Höhe den Entgelts bestimmt der Händler selbst, das Geld ist für ihn eine zusätzliche Einnahme. In der Praxis werden es nach Angaben des Handelsverbandes Deutschland (HDE) zwischen 5 und 50 Cent sein. Mit der Selbstverpflichtung sind nach HDE-Angaben etwa 60 Prozent der Kunststofftüten im Einzelhandel erfasst. Die dünnen Flattertüten für Obst und Gemüse bleiben außen vor.

Politisches Ziel ist es, den Verbrauch an Kunststofftüten zu reduzieren. Dabei herrscht Einigkeit darüber, dass Kunststofftüten in Deutschland kein nennenswertes Umweltproblem sind. Derzeit liegt der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland bei 71 Tüten. Das ist im internationalen Vergleich nicht viel: In Polen etwa werden pro Kopf und Jahr 400 Tüten verbraucht. Ziel sind bis 2025 nur noch 40 Tüten pro Kopf.

Die Kunststofftüte wird vor allem als überflüssiger Müll bekämpft. Dabei ist deren Umweltbilanz nachweislich besser als die einer Papiertüte. Plastiktüten werden häufig mehrfach genutzt. Und Deutschland gilt weltweit als Vorreiter im Verwerten und Recyceln von Wertstoffen.

 

Freie Presse; erschienen am 04.05.2016

Text: Matthias Behrend
Foto: Toni Söll

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